Interview ALSTER ALSTER-MAGAZIN

ALSTER MAGAZIN LOCAL P EOPLE 24 ALSTER-MAGAZIN NR. 8 2016 Wolfgang E. Buss: Wenn Sie zurückschauen, wie viele Herzen haben Sie in Ihrem Leben schon operiert? Prof. Dr. Dr. Hermann Reichenspurner: Das weiß ich nicht so ganz genau, aber es müssten mittlerweile so zwischen 3.500 und 4.000 sein. Wie viele Transplantationen sind dabei? Ungefähr 300. Der Jüngste war vor zehn Tagen ein sechsjähriger Junge, dem es Gott sei Dank sehr gut geht. Wie viele Menschenleben haben Sie gerettet? Das hört sich immer so dramatisch an. Ich glaube ja, dass alle Mediziner versuchen, das Beste für ihre Patienten zu erzielen. Tatsächlich ist es in der Herzchirurgie so, dass man natürlich so ein bisschen an der Grenze operiert, aber die Erfolgsrate ist schon sehr hoch. Wir haben Gesamtrisiken von vielleicht 2-3 Prozent. Bei Operationen lassen Sie Musik von Bach laufen? Bei einer schwierigen Operation ist es tatsächlich so, dass ich mir etwas mitnehme, weil ich mich da am besten konzentrieren kann. Aber ansonsten, ganz ehrlich, läuft in der Regel irgendwie Klassikradio oder irgend sowas. Sehr zum Leidwesen meiner Mitarbeiter! Wenigstens der Patient ist ja in Narkose und merkt nichts. Aber ich glaube schon, dass Musik sehr wichtig ist. Ich bin groß ge- worden, da war bei Chirurgie und vor allem Herzchirurgie alles total angespannt im OP, auch unter den Operateuren. Ich fand das fast un- angenehm. Konzentration ist wichtig, aber man muss die Spannung rausnehmen. 800 Menschen warten auf ein neues Herz. Die Technik gäbe es inzwischen her. Aber uns fehlen Spenderherzen. Wie kommt das? Der Grund ist relativ einfach. Der Mensch beschäftigt sich nicht gerne mit seinem Tod. Die Österreicher haben sich schon vor Jahrzehnten ein einfaches Prinzip überlegt: Jeder ist Organspender, außer er wider- spricht. Die so genannte Widerspruchslösung. Die funktioniert da sehr gut, die Wartezeiten sind we- niger lang, die Spanier haben das gleiche Mo- dell, die Belgier auch. In Deutschland ist das politisch nicht umsetz- bar. Die Deutschen ha- dern da immer noch mit ihrer Vergangenheit. An zweiter Stelle ist ein recht gleichwertiger Grund, dass die Organspende sehr umständlich ist und auch mit Kosten verbunden. Die Krankenhäuser stehen heute unter einem extremen wirtschaftlichen Druck, sodass die Organspende bei vielen Häusern nicht beliebt ist. Die Dunkelziffer von Organspendern, die aus diesem Grunde nicht gemeldet werden, ist deshalb relativ hoch in Deutschland. Es gibt Länder, die das professionell gelöst haben: Spanien hat dreieinhalb mal so viele Organspender wie Deutschland. Zusätzlich zur Widerspruchslösung haben sie an jedem Krankenhaus vom Staat sogenannte Transplantationskoordinatoren eingesetzt, die sofort, wenn ein potentieller Organspender da ist, sichergehen, dass der gemeldet wird. Das wird leider Gottes hierzulande politisch zu wenig verfolgt. Das Bundesamt für gesundheitliche Aufklärung, das eigentlich zuständig ist für die Organspende, macht manchmal ein paar Seiten in einer Illustrierten: Ich bin für Organspende und so. Aber das genügt doch in der heutigen Welt nicht! Sie müssen in die Schulen gehen, Sie müssen in die Unis gehen, Sie müssen in die sozialen Netzwerke. Wann hat irgendjemand von Ihnen auf Facebook oder Twitter jemals etwas über Organspende gesehen? Da müsste viel mehr gemacht werden. Interview mit Prof. Dr. Dr. Reichenspurner Prof. Dr. Dr. Hermann Reichenspurner (l.) sprach mit Wolfgang E. Buss über Organspende, Menschenleben und Musik im OP-Saal. Fortsetzung von Seite 23 ICH GLAUBE JA, DASS ALLE MEDIZINER VERSUCHEN, DAS BESTE FÜR IHRE PATIENTEN ZU ERZIELEN.