Schwere Zeiten Literatur

14 ALSTER-MAGAZIN NR. 02 2017 Facebook, Instagram und epische Computer- spiele sind eine neue Konkurrenz für Litera- tur. Das Print-Format stirbt aus. So hört man es zumindest immer wieder. Aber stimmt das? Das Alster Magazin fragte den Litera- turwissenschaftler und Leiter des Litera- turhauses Rainer Moritz, ob der Literatur schwere Zeiten bevorstehen. Alster Magazin: In den letzten Jahren haben soziale Medien un- seren Alltag verändert. Online schaffen Menschen ihre Ich-Fikti- on. Handelt es sich um eine Konkurrenz zu literarischen Texten? Rainer Moritz: Dazu muss man klären, was man unter Literatur versteht. Heute kann man sehr leicht mit einem Text an die Öf- fentlichkeit treten. Texte über den eigenen Alltag haben aber mit Literatur noch nicht zwingend etwas zu tun. Denn Literatur ist eine Kunstform: Sie bietet uns eine neue Sichtweise auf die Welt. Darüber hinaus setzt Literatur voraus, dass sich ein Lesepublikum findet. Das ist mit einer Publikation nicht automatisch gegeben. Bis ins 18. Jahrhundert war die Malerei die Königin der Künste. Erst zum 19. Jahrhundert hat sich das zu Gunsten von Literatur und Musik relativiert. Phänomene wie Instagram legen nahe, dass das Bild wieder stark an Bedeutung gewinnt. Ist davon im Literaturbetrieb etwas zu merken? Für Literatur im engeren Sinne sehe ich von dieser Seite gerade keine großen Auswirkungen. Wie bei Facebook ist hier eine Form der Ichbe- zogenheit zu beobachten. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass in den letzten Jahren immer mehr autobiografische Texte erscheinen. Ein Zeichen für Misstrauen gegenüber der Fiktion. Jede Kunstform leistet die Selbstbespiegelung aber auf eigene Weise. In modernen Computerspielen sind komplexe Geschichten ent- worfen, die im Spiel aktiv entdeckt werden. Welche Form von Aktivität ist im Unterschied dazu beim Lesen gefragt? Es ist eine ganz andere Form der Aktivität. Lesen ist natürlich nicht handelndes Eingreifen. Lesen bedeutet, sich auf eine Welt einzulassen, die jemand anderes entwirft. Die im Text präsentierte Welt stellt sich aber jeder Leser, jede Leserin anders vor. Literatur spielt sich im Kopf ab, sie appelliert an die Imaginationskraft. Sie zwingt dazu, selbst weiterzudenken. Dabei sind die Les- und Interpretationsarten unzählig. Würden Sie Literatur eher über ihre spezifische Wirkungsweise in der Unterhaltungsbranche positionieren oder über ihre An- schlussfähigkeit an Main-Stream-Medien? Literatur muss sich nicht anbiedern. Sie wird es immer schwerer haben als andere Kunstformen. Denn wer liest, muss sich zurückziehen, um sich auf eine Form der Innenbeschauung einzulassen. Wenn Menschen ins Museum oder ins Theater gehen ist das hingegen ein geselliges Der aus Schwaben stammende Prof. Dr. Rainer Moritz, Jahrgang 1958, leitet seit 2005 das Literaturhaus Hamburg. Moritz ist Literaturwissenschaftler, -kritiker und Autor. Beiträge wie Wer hat den schlechtesten Sex? Eine literarische Stellensuche (DVA, 2015) verdeutlichen, dass er sich für einen unverkrampften Umgang mit Literatur einsetzt. 2015 wurde ihm durch den Hamburger Senat der Ehrentitel Professor für sein Engagement im literarischen Leben der Hansestadt verliehen. BUCHTIPP ALSTER MAGAZIN LOCAL P EOPLE Schwere Zeiten für die Fo to : G un te r G lü ck lic h. Der Literaturwissen- schaftler, -kritiker und Autor Prof. Dr. Rainer Moritz leitet das Literaturhaus Hamburg seit 2005. Literatur? Erlebnis. Die Einzigartigkeit einer Leseerfahrung zu vermitteln und Menschen dafür zu interessieren, ist die Aufgabe eines Literaturhauses. Und mit welchen Projekten haben Sie in Hamburg den Nachwuchs an Literatur herangeführt? Wir haben für alle Altersgruppen Angebote, für sechsjährige Kinder bis zum zwanzigsten Lebensjahr. Für die Größeren ist es das Schreiblabor. Für die ganz Kleinen ist es die Reihe Philosophieren mit Kindern. Jede Kulturinstitution hat die Aufgabe, beim Nachwuchs die Hemm- schwellen zu überwinden und das Publikum von morgen zu begeistern. Alle belletristischen Erfolge werden rasch verfilmt. Gibt es so viele Menschen, die man nur mit Filmen erreichen kann? Ich glaube das liegt eher an dem ökonomischen Moment: Wenn ein Plot in einer Kunstform Erfolg hatte, versucht man ihn in ein anderes Medium zu übertragen, um dort anzuknüpfen. Auch viele Leser sind schließlich neugierig darauf, wie ein Roman umgesetzt wurde, und wollen die Bilder mit ihrer Imagination vergleichen. Romane gibt es seit Jahren digitalisiert das e-Book gehört längst zum Alltag. Unter welchen Umständen bleibt das hap- tische Erlebnis beim Lesen unverzichtbar? Man merkt, dass die Verlage in den letzten Jahren dazu übergangen sind, wieder schönere Bücher zu machen. Bestimmte Ausstattungsmerkmale, wie ein Leineneinband, können digital einfach nicht realisiert werden. Unnachahmbar sind Aspekte der ästhetischen Erfahrung. ww