Kein Grund feiern

20 ALSTER-MAGAZIN NR. 06 2017 Alster Magazin: Alle loben Luther. Sie kritisieren ihn. Sogar heftig. Sind Sie ein Spielverderber? Oder ist die Luthervereh- rung wirklich verfehlt? Dr. Paul Schulz: Im Blick auf das Jubiläumsjahr 2017 hatte die luthe- rische Kirche eine riesige Chance: Sie verfügte in den nahezu zehn Jahren ihrer Jubiläumsvorbereitungen über genügend Zeit, viele der Probleme aufzuarbeiten, die Martin Luther aus Sicht einer modernen Gesellschaft schwer belasten, jene Positionen vor allem, die zwischen ihm speziell als Repräsentant einer gottgewollten Fürstenherrschaft und unsere säkular-demokratischen Gesellschaft radikal konträr sind. Diese Arbeit hat die Kirche auf 2017 hin nicht geleistet. Sie hat eher auf ein Event-Festival gesetzt, dabei nahezu alle brennenden Probleme unter den Teppich gekehrt und sich so - wieder mal herumgedrückt um ernsthafte Auseinandersetzungen mit der modernen Gesellschaft. Was genau sind denn die Probleme mit Luther? Zum einen Luthers Verrat an den Bauern in deren Befreiungskampf aus der Leibeigenschaft gegen den Adel und damit gegen das Recht auf soziale Gerechtigkeit in der modernen Welt. Zweitens Luthers total einseitige, mit Gott begründete Obrigkeitsherrschaft der Fürsten und damit sein Kampf gegen eine Volksobrigkeit oder wenigstens ein Mitspracherecht des Volkes. Drittens Luthers absolutistischer Autori- tätsanspruch in allen Glaubens- und Lebensfragen und von daher nicht nur seine kompromisslose Ablehnung anderer M e i n u n g e n, sondern seine rücksichtslose Verdammung aller M e n s c h e n anderer Meinun- gen in die Hölle, allen voran die Verdammung der Juden. Viertens die historisch enge Verbindung zwischen Thron- und Altar der lutherischen Kirche mit der preußischen Obrigkeit und damit das Modell der Kirche als Staatskirche. Fünftens Die lutherische Nazikirche im Dritten Reich und das Unwesen der Deutschen Christen und damit die Missachtung der säkular-demokratischen Rechtsstaatlichkeit. Das sind einige Punkte, die Luther und seine Kirche für unsere säkulare Demokratie heute nicht akzeptabel machen. Ist denn die Frömmigkeit Luthers mit dem Zeitgeist unserer heutigen Gesellschaft kompatibel? Nein, nicht in der Spitze. Der Denk- und Vernunftdruck des modernen Menschen ist inzwischen weit vorangeschritten. Der Zeitgeist liegt in der Loslösung des Menschen vom kirchlich befohlenen Glauben an einen zentralen Gott. Mit der Loslösung von Gott als der höchsten reli- giösen Autorität setzt sich der moderne Mensch frei von größtmöglicher Fremdbestimmung. Indem er sich herausnimmt aus der göttlichen Be- vormundung, entwickelt er sich zu einem sich selbst bestimmenden und verantwortenden Individuum. Er wird ein moderner autonomer Mensch. Luther ist von diesem Zeit- geist unse- rer heutigen Gesellschaft u n e n d l i c h weit entfernt. Er trifft viele Menschen nicht mehr wirklich exi- stenziell. Vernunft und Selbstbestimmung waren Luther also in Wirk- lichkeit kein Anliegen? Das kann man sehr gut so sagen. Er hat den Vernunft-Menschen auf seinem Weg in die moderne Welt total diskriminiert. Er nannte die Vernunft eine Hure, die den Menschen verführt. Wie soll der denkende Mensch dem folgen? Luthers Vernunft- und Realitätsfeindlichkeit trifft genau unseren erst benannten Kritikpunkt, nämlich Luthers Verrat an den Bauern mit ihrer realen Forderung nach sozialer Gerechtigkeit in einer sich auf Zukunft wandelnden Welt. Da Luther sich den Bauern verweigerte, wurde Thomas Münzer, ein ehemaliger Anhänger Luthers, Anführer des Bauernaufstandes. Münzer hatte Luthers Gnadentheologie in eine politische Theorie der sozialen Volksrevolution weiterentwickelt und in der Parole zugespitzt: Gott steht auf der Seite der Armen, der Schwachen, der Unterdrückten, nicht auf, der Seite der Fürsten und Ausbeuter. Er forderte die Fürsten in Drohbriefen auf, die Bauern sofort freizulassen. Die Bauern hätten dennoch lieber Luther als Anführer gehabt, eben den führenden Kopf der Reformation. Sie hatten natür- lich Luthers Schrift mit dem reißerischen Titel Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520) gelesen. In einem Petitionsschreiben an Luther erbaten sie von ihm für ihren gerechten Kampf um ihre Freiheit eine positive Stellungnahme zur Unterstützung. Denn, so argumentier- ten sie, wenn Gott, wie Luther sagt, die Menschen durch Christus zu freien Menschen gemacht hat, wie können dann die adelige Herren die Bauern als Leibeigene in elender Knechtschaft verrecken lassen? Doch Luther schwieg. Sie hatten Luthers auf den Himmel gerichtete Freiheit eines Christenmenschen als ihre weltliche Befreiung missverstanden. Weltliche Freiheit hatte Luther nicht gemeint Als die Gefahr eines Bürgerkriegs größer wurde, stellte sich Luther radikal gegen die Bauern mit Hinweis auf Römer 13,1-2: Jedermann sei Im Jahr 2017 feiern Kirche und Bevölkerung 500 Jahre Reformation. Der ehemalige Pastor von St. Jacobi, Dr. theol. Paul Schulz , sieht das anders: Luther sei ein radikaler Anti-Demokrat und kein Vorbild für die heutige Zeit. Ein Interview. Kein Grund zu feiern! Lutherjahr: ALSTER MAGAZIN L O C A L P E O P L E