Geflüchtete Sportliche Heimat

30 | ALSTERTAL MAGAZIN Der Walddörfer SV hat seit einigen Monaten eine Frauen-Gymnastikgruppe, die aus Geflüchteten besteht. Viele von ihnen treiben hier zum ersten Mal Sport, da dies in ihren Herkunftsländern für Frauen nahezu undenkbar war. Wir waren vor Ort und berichten über ein ungewöhnliches Integrationsprojekt . D er Walddörfer Sportverein engagiert sich seit 30 Jahren in der Flüchtlingsarbeit. Seit April dieses Jahres hat er auch einen eigenen Integrationsbeauftragten: Torsten Schubert betreut nun mehrere Projekte zur Integration. Wir hatten das Glück, dass wir den jungen Praktikanten Ali Reza Hassanzadeh hatten, erzählt der Integrationsbeauftragte. Er kommt aus Afghanistan mit dem Umweg über den Iran, spricht Farsi und konnte insofern eine wunderbare Brücke bilden zwischen mir und den Menschen, die zu uns kommen. Er konnte ganz anders auf sie zugehen als ich. Mittlerweile ist er bei uns Auszubildender. Ali Reza hatte beobachtet, dass in seinem Umkreis viele ältere Menschen noch nie Sport gemacht und entsprechende körperliche Beschwerden hatten. Er fragte in seiner Moschee nach. Wir waren selbst völlig überrascht, dass dabei ausgerechnet eine Frauengruppe herauskam, sagt Torsten Schubert. Der Aufbau dieser Frauengruppe war dann auch ein Lernprozess auf beiden Seiten. Zur ersten Stunde wusste ich gar nicht, was mich erwartet, erzählt Trainerin Anne Freese. Ich hatte keine Ahnung, wie viele kommen, wie alt sie sind und in welcher körperlichen Verfassung. Ich improvisierte einfach ganz intuitiv. Mittlerweile weiß ich natürlich besser, was die Damen möchten und bereite ich mich schon zu Hause vor. Dabei muss sie sich auch auf ihre Sport- lerinnen einstellen: Für viele war es schon etwas Neues, überhaupt einen Ball in der Hand zu halten. Denn für Frauen war in ihrem Herkunftsland Sport etwas Undenkbares. Beim Training im Walddörfer SV legen die Damen ihre Kopftücher ab. Ein Bitte nicht stören-Schild an der Tür gibt ihnen Privat- sphäre. Wir haben bewusst gesagt, es gibt Grenzen, wie weit wir gehen möchten, erklärt Torsten Schubert. Wir stellen den Raum zur Verfügung, wir respektieren, dass nur Frauen trainieren und währenddessen niemand, vor allem kein Mann hinein soll. Aber wir werden nicht anfangen, die Räume umzugestalten oder die Fenster Frauen-Gymnastikgruppe in Volksdorf: Sportliche Heimat für Geflüchtete zu verhängen, damit niemand hinein schauen kann. Da kommen uns aber auch die Frauen entgegen und sagen, das ist völlig in Ordnung. Sie wollten keine Sonderbehandlung und sich von Anfang an in das normale Geschehen eingliedern. Nach diesen Erfahrungen möchte der Walddörfer SV das Angebot Anfang nächsten Jahres erweitern und in das allgemeine Sportan- gebot übernehmen, dann dürfen alle mitmachen allerdings nur Frauen. Integration heißt, wir möchten Flüchtlinge und Migranten aufnehmen, ihnen das Vereinsleben und den Sport in Deutschland zugänglich machen und ihnen dabei helfen, die Welt des Sports zu entdecken, sagt Torsten Schubert. Aber letztendlich sollen sie normale Vereinsmitglieder werden wie alle anderen auch und hier ihre sportliche Heimat finden. Übrigens sind die Männer der Sportlerinnen auch recht angetan von ihrem neuen Hobby. Torsten Schubert erzählt: Wir haben mittlerweile die Rückmeldung von einigen Männern: Unsere Frauen sollen Sport machen, egal, was das kostet. Die haben gemerkt, dass ihren Frauen der Sport gut tut. cl MAGAZIN Sport überwindet kulturelle Grenzen, zeigt die Gym- nastikgruppe des Walddörfer SV. Organisierten das Projekt: (v.r.) Trainerin Anne Freese, Integrations- beauftrag- ter Torsten Schubert und Azubi Ali Reza Hassanzadeh, selbst ein Flüchtling. Fo to s: W a ld d ör fe r S V