Erfolgreich scheitern lange

Erfolgreich scheitern Wer in Deutschland Privatinsolvenz anmelden muss, ist, anders als in anderen Ländern, gebrandmarkt. Der Galeristin Kirsten Roschlaub ist es passiert. Trotzdem ist sie wieder aufgestanden. HAMBURG WOMAN wollte wissen, wie es ihr ergangen ist. Anfang 2010 war Kirsten Roschlaub eine der angesagtesten Gale- ristinnen der Stadt, von der Presse hofiert. In der Milchstraße zeigte die Hamburgerin Werke von Topfotografen. Bis sie im März mit ih - rer Galerie, die sie sechs Jahre zuvor eröffnet hatte, Privatinsolvenz anmelden musste. Es wurde still um die 43-jährige Unternehmerin, bis sie vor gut einem Jahr im September 2015 ihre zweite Galerie eröffnete, diesmal in Rotherbaum. Jetzt, etwas über ein Jahr spä - ter, zieht die 43-Jährige eine positive Bilanz. Aber dafür musste die Kunstexpertin einen langen und harten Weg zurücklegen. Dazu wäre es aber sowieso fast nicht gekommen, denn Kirsten Roschlaub hatte nach der Schule, als Tochter einer angesehenen Ju- ristenfamilie, ein Jurastudium begonnen. Ich war nur zwei Mal da. Nach zwei Semestern haben meine Eltern es herausgefunden und sämtliche finanzielle Bezüge gestrichen, sagt sie schmunzelnd. Gut so, denn nach längerem Überlegen wandte sich die Studienabbreche - rin der Fotografie zu, die lag ihr schon immer. Nach Ausbildung und Assistenz war sie schnell als Selbstständige gut im Geschäft, in den USA. Ich bin schnell in die Kinderkatalog-Fotografie reingerutscht, die war gut bezahlt, mir aber nicht kreativ genug. Und amerikanische Mütter können extrem anstrengend sein, wenn es um ihren Nach - wuchs geht. Also wieder ein Neustart. Zurück in Hamburg wollte Kirsten dann lieber Fotografen managen, statt selbst hinter der Ka- mera zu stehen. Ich habe Büroräume gesucht und stattdessen am Klosterwall eine Galerie mit angrenzenden Büroräumen gefunden. Ich dachte, hänge ich doch in den Räumen einfach Bilder meiner Fotografen auf. So hat es sich mit meiner ersten Galerie 2004 entwi - ckelt; frei nach meinem Motto machen und sehen was passiert. Es lief so gut an, dass es irgendwann nur noch die Galerie gab. Bis März 2010. Die Gründe sind vielfältig, aber zwei stechen heraus: 2009 begann die Wirtschaftskriese und große Firmen meine wichtigs - Zu lange an das Gute geglaubt! ten Kunden investierten nicht mehr in ihre Kunstsammlungen. Schon davor, 2006, hatte mich meine Bank überredet, eine bessere Adresse für meine Galerie zu suchen. Die fanden wir in Pöseldorf. Viel zu teuer. Ich will der Bank nicht die Schuld geben, ich habe entschieden, aber auf ihren Rat hin immer weiter zu finanzieren, hat mich im Endeffekt gekillt. Heute schüttelt die 43-Jährige über diese Naivität den Kopf. Damals hatten Banken noch ein gutes Ansehen und ich dachte, die wissen schon, was sie tun. Nach der Pleite hat sich die Stadt das Maul zerrissen und es habe Geschichten um offe - ne Rechnungen gegeben, die nicht stimmten, so Roschlaub. Während in den USA, wo ich ja lange gearbeitet habe, eine Privatin - solvenz zur Berufserfahrung gehört, wird man bei uns als Büßer abgestempelt, der für immer in der Ecke stehen muss. Dabei macht man das ja nicht absichtlich. Selbst Freunde, von denen sie es nie erwartet hätte, wendeten sich ab. Dabei habe ich sogar, obwohl ich es rechtlich bei einer Privatinsolvenz nicht gemusst hätte, den Gläu - bigern so viel gegeben wie ging. Hat mir keiner gedankt. Sie war am Boden zerstört, und ihr Selbstbewusstsein war weg. Zum ersten Mal in meinem Leben hat etwas nicht geklappt. Ich habe mich des - wegen lange nicht getraut, etwas Neues zu starten, denn ich war mir sicher, ich fahr das Projekt auch an die Wand. Aus diesem Denken kam die Galeristin nur dank professioneller Hilfe wieder heraus. So zeigt sie jetzt wieder Fotos in eigenen Räumen, macht aber vieles anders: Ich biete neben hochpreisiger auch günstige Kunst an und habe zusätzlich einen Onlineshop. Und ich werde mich nie wieder in eine extreme finanzielle Abhängigkeit begeben, denn meine Naivität von einst ist weg. Leider auch meine unbeschwerte Leichtigkeit, mit der ich früher Dinge angegangen bin. Ich mache mir jetzt viel mehr Sorgen. Das hat den Vorteil, dass ich viel eher die Reißleine ziehen würde, um das Drama nicht noch einmal erleben zu müssen. kw