HAMBURG WOMAN haben

HAMBURG WOMAN 13 people HAMBURG WOMAN: Sie haben vor überwiegend Hambur- ger Unternehmerinnen gesprochen. Wie häufig kommt es vor, dass Sie vor Frauen sprechen? Alexander Graf Lambsdorff: Sehr selten. Gerade in Deutschland sind Frauen in der Wirtschaft unterrepräsentiert und deswegen habe ich diese Einladung besonders gerne angenommen, weil das hier eine leuchtende Ausnahme ist ein Beispiel für andere. Stimmt man das Thema darauf ab, oder spielt das keine Rolle? Die Fragen, wie es mit der Wirtschaft weitergeht, wie die Wettbe- werbsfähigkeit Deutschlands gestärkt wird, wie das Welthandelssys- tem in den nächsten 10 bis 20 Jahren stabilisiert wird, sind nicht geschlechtsspezifisch. Im Gegenteil, die hier anwesenden Damen interessieren sich genauso für das Thema wie die Männer, vor denen ich es sonst vortrage. Das Thema des Abends lautete Warum Deutschland ein Update braucht. Können Sie die drei wich- tigsten Dinge kurz zusammenfassen? Zum einen ist unsere Infrastruktur in einem viel zu schlechten Zustand, unsere Straßen, Brücken, Gleise, Kabel und so weiter, weil wir viele Jahre nichts investiert haben. Das muss sich dringend ändern, weil auf einer gut funktionierenden Infra- struktur alle anderen Prozesse aufsetzen. Zweitens ist Deutschland digital abgehängt gegenüber anderen Ländern wir haben einen Verkehrsminister, der zwar von selbstfahrenden Autos spricht, aber auf den Autobahnen bricht regelmäßig die Handyverbindung ab. Digitalisierung muss Chefsache werden, sonst gerät unsere Wirt- schaft ins Hintertreffen. Dritter Punkt ist unser Bildungssystem. Deutschland hatte mal das beste Bildungswesen, von der ganzen Welt bewundert. Jetzt sind wir in allen Rankings weit hinten. Deswe- gen ist für die FDP die Bildung der Kernpunkt des nötigen Updates, gerade beim Übergang in die digitale Gesellschaft. Sie hatten es ja schon angesprochen, Frauen sind in der Wirtschaft unterrepräsentiert. Um das zu ändern, gibt es die gesetzliche Quote für Frauen in Aufsichtsräten bei bestimm- ten börsennotierten Unternehmen. Die geforderten 30 % sind so gut wie erfüllt. Wie sehen Sie die Quote? Als FDP stehen wir ihr skeptisch gegenüber. Nicht, weil wir meinen, es bräuchte keine Frauen in Führungspositionen, sondern weil wir der Meinung sind, dass die Frauen, die es in Führungspositionen schaffen, nicht dem Verdacht ausgesetzt sein sollen, sie seien eine Quotenfrau. Das entwertet die exzellenten Leistungen vieler Frauen auf der zweiten und dritten Führungseben. Wir hoffen, dass in Un- ternehmen erkannt wird, dass Diversität (mit Männern und Frauen gemischte Teams) ein Vorteil ist und setzten auf Freiwilligkeit in den Unternehmen. Eine Studie der AllbrightStiftung zeigt aber leider, dass bei- spielsweise in den Aufsichtsräten von in Frankfurt börsen- notierten Unternehmen die Frauenquote bei unter 7 % liegt. Freiwilligkeit bringt also nicht viel. Ich ermahne bei meinen Treffen mit Verantwortungsträgern der Wirtschaft die Männer darauf zu achten, dass es schneller geht. Es ist auch eine Frage des Unternehmenserfolges, weil gemischte Teams erfolgreicher sind. Deswegen bin ich sicher, alleine um im globalen Wettbewerb bestehen zu können, dass künftig mehr Frau- en in deutsche Vorstandetagen kommen. In Ihrem FDP-Landesvorstand NRW sind fünf Männer und eine Frau. In den Ebenen darunter sieht es nicht besser, teils sogar noch schlimmer aus. Woran liegt es? In Hamburg ist das ja Gott sei Dank besser, mit Katja Suding haben wir hier eine starke Frau an der Spitze. Wir brauchen Frauen, die sich trauen. Und es stimmt schon, alle Parteien haben es schwer, Frauen davon zu überzeugen, einzutreten. Sie prüfen gründlicher, ob sie sich überhaupt an eine Partei binden oder sich gar für ein Vorstands- amt oder Mandat bewerben wollen. Männer sind schneller, wenn es darum geht, den Schritt ans Mikro zu wagen und einfach etwas zu erzählen. Frauen überlegen währenddessen noch, ob sie die Themen auch kompetent bearbeiten können. Schließlich werden die Männer gewählt, weil sie bekannter sind, obwohl es mit der Kompetenz viel- leicht gar nicht so weit her ist. Deswegen haben wir haben in der FDP ein Mentorenprogramm für Frauen eingeführt, mit dem wir versuchen, das zum Guten zu verändern. Aber die Grünen haben es geschafft. Aber nur, weil sie sich in ein starres Korsett zwängen, das dann auch nicht immer zu guten Lösungen führt. Denn die Quotierung wurde da so weit getrieben, dass die Personalauswahl nicht mehr frei ist, denken sie nur an die Fun- dis und Realos, die auch ihre Quote haben. Das kann nicht der Weg sein, den eine liberale Partei geht. Jetzt was ganz anderes und viel Schöne- res. Unser Magazin hat den Schwerpunkt Liebe. Was macht für Sie eine gute Liebe aus? Gegenseitiges Vertrauen und Leidenschaft. Wobei sich das auf die persönliche Liebe bezieht. Es gibt ja noch viele weitere Formen wie Kinderliebe, Selbstliebe, Gottesliebe, Vaterlandsliebe oder Vereins- liebe. Da ist es dann von Fall zu Fall natürlich anders. Was macht die Europäische Union aus Ihrer Sicht liebens- wert? Die Freiheit. Europa ist für uns ja ein Raum geworden, in dem wir uns so frei bewegen können wie nie zuvor in der Geschichte unseres Kontinents. Wir müssen kein Geld wechseln, den Pass nicht zeigen, können herumreisen, studieren und arbeiten wo wir wollen. Und das ist liebenswert, weil dabei Unterschiede trotzdem erlaubt sind. Ein Franzose ist ein Franzose und ein Finne ist ein Finne. Und dennoch können wir nach Paris oder Helsinki fahren, wenn es uns gefällt, bleiben wir, wenn nicht, fahren wir wieder nach Hause. Das ist etwas besonders Schönes. Kai Wehl Alexander Graf Lambsdorff (r.) und Chefredakteur Kai Wehl im Hotel Vier Jahreszeiten. Dort hatte der Vize- präsident des Europäischen Parlaments auf Einladung von CeU-Präsidentin Kristina Tröger zum Thema Warum Deutschland ein Update braucht gesprochen. Wir können uns in Europa so frei bewegen, wie nie zuvor! U lri ch T rö ge r