BUCH Nach Ihrer

HAMBURG WOMAN 9 unterschiedlich und nicht einem Ideal entsprechend sind, sondern gerade weil wir es sind. Viel zu häufig verschwenden Frauen ihre Potenziale, ihre Kräfte und so erschreckend viel Lebenszeit damit, sich möglichst schlecht zu fühlen und auf einen Moment zu war- ten, der vielleicht niemals kommen wird. Der Wenn ich erst einmal schön schlank bin...-Moment oder der Wenn ich mich nur genü - gend verändert habe-Moment. Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass wir dadurch Jahrzehnte verlieren und am Ende nur unglücklicher sind. Das darf so nicht sein und ich finde, dass Un - vollkommenheit und Attraktivität nicht im Widerspruch zueinan - der stehen und vielleicht, wenn ich mich so zeige, trauen sich viele andere ja auch. Wünschen würde ich es mir. Nach Ihrer Erfahrung, wie haben sich die An- sprüche, die an Weiblichkeit gestellt wer- den, in den letzten Jahren und Jahrzehn- ten verändert? Gibt es eine Lockerung oder sind sie nur qualitativ anders? Ich bin mir nicht immer so ganz si - cher, ob wir wirklich lockerer ge - worden sind, was die Erwartun - gen angeht. Zwar haben Frau - en heute mehr Freiheiten und so einige Revolutionen hinter sich, dennoch machen wir un- ser Seelenheil von der Zahl auf einer Waage oder einer Kleider - größe abhängig. Wir sind selbst - bewusster geworden, aber auch voller Komplexe. Es wird Zeit für neue Revolutionen, wir sind mitten drin und solange wir noch immer dar- um kämpfen müssen, dass es doch bitte normal ist, dass wir nicht alle gleich ausse- hen, dass wir uns aussuchen können, wer und wie wir sein wollen und dass es nicht das eine Ide - al gibt, welchem wir alle hinterher rennen und doch nie - mals ankommen, solange ist da noch viel Arbeit. Denn mal ehrlich, wenn man als Frau morgens aufsteht, vor dem Spiegel steht und denkt Ich bin der Geilste hier, dann ist man unter Garantie ein Mann. Wir müssen uns ganz dringend lockerer machen und Stück für Stück freier werden von irgendwelchen zwanghaften Vorstellun - gen, wie eine Frau zu sein hat. Denn allerorts hört und liest man, ei - ne Frau solle individuell, aber normal sein. Ja, was denn nun? Sie selbst haben früher über 340 Kilo gewogen und haben dann doch abgenommen. Gibt es eine Grenze, wo Selbstak- zeptanz endet und man wirklich an sich arbeiten muss? Ich glaube nicht, dass Selbstakzeptanz und Veränderung sich ge - genseitig ausschließen. Im Gegenteil glaube ich sogar, dass Akzep - tanz ein wichtiger Punkt auf dem Weg hin zu einem guten Körper - gefühl und dann vielleicht auch geringerem Gewicht ist. Ich möch - te durchaus noch so einiges an Gewicht verlieren und dennoch mag ich meinen Ist-Zustand. Mir ist durchaus klar, dass ich weit entfernt bin davon perfekt zu sein, aber es geht doch auch gar nicht dar - um, dies zu sein, es geht ums Glücklichsein. Immer. An sich arbei - ten, glaube ich, muss niemand, aber jeder kann und Zeit dafür ist es, wenn derjenige Veränderung möchte. Allerdings auch nur dann, denn erst, wenn ich ein Problem mit mir habe, dann muss ich über mich nachdenken. Ob andere mit mir, meinen Hüften oder meinen Haaren ein Problem haben, kann und sollte mir eigentlich vollkom - men egal sein ebenso wie es jedem anderen egal sein sollte, wie ich aussehe. Wissend natürlich, dass das nicht so ist. Kaum ein Reizthe - ma ist derart emotional aufgeladen wie die Themen Körperlichkeit und Gewicht, gerade bei Frauen. Unsere Körper gehören uns und wir treffen vielleicht nicht immer die besten Entscheidungen für uns, wir rauchen, trinken, essen und bewegen uns zu wenig, aber das ist unsere persönliche Angelegenheit. Denn auch wenn wir im - mer auf jene so gern mit dem Finger zeigen, die anders oder nicht ideal genug sind in unseren Augen, verändert sich denn wirklich et - was, wenn die plötzlich schlanker oder schöner oder eben anders sind? Unser Seelenheil sollte nicht an einer Zahl oder der Meinung irgendeines Menschen auf der Straße hängen ob - gleich es das viel zu oft eben doch tut. Wir können und sollten niemandem vorschreiben, wie er oder sie auszu - sehen hat, was man zu wiegen hat oder wie man sich kleidet. Frau - en sind umgeben von Tabus. Dinge, die man nicht sagen darf, nicht tun darf, die man nicht es- sen, nicht anziehen, nicht küs- sen darf und das schlimmste Tabu von allen sagt: Solange du nicht schlank oder idealgewichtig bist, hast du dich gefälligst nicht wohlzufühlen. Das ist doch Un - fug. Unglücklich zu sein macht nie - manden gesund, niemanden schlank, niemanden zufrieden. Ein positives Ge - fühl für sich selbst und die Einsicht, dass es nicht schlimm ist, wenn man ab und an mal ein to - taler Vollpfosten ist, ist, glaube ich, sehr wichtig. Wir müs - sen uns selbst vergeben, nicht perfekt zu sein, und dann können wir an uns arbeiten, wenn wir das denn wollen und wenn nicht, dann ist das auch okay. Ich glaube nämlich, die beste Version unserer selbst sind wir immer dann, wenn wir glücklich sind. Ob ich dabei zwei Kilo mehr oder weniger habe, interessiert das Glück nicht. Drum ist es auch keine Pflicht, dass wir uns verändern, sondern ein Privileg, dies versuchen und tun zu dürfen und zu guter Letzt eine vollkom - men persönliche und private Angelegenheit. Christian Luscher people Nicht direkt perfekt erscheint am 15.12. im Rowohlt Verlag, 272 Seiten, 14.99 . Am 5. und 6. Januar gibts außerdem die Pre- view von Nicole Jägers Stand-up- Programm im Goldbekhaus. Mehr Infos auf www.nicole-jaeger.de DAS BUCH Nicht nur als Autorin, auch als Standup-Komikerin sagt Nicole Jäger ihre Meinung. Fo to : R ei na ld o C od do u H .