GEHEIMSCHRIFT ENTZIFFERT mysteriöse

18 | ALSTERTAL MAGAZIN MAGAZIN Übersetzung: Lieber Willi, wir sind gut wieder hinaus gekommen. Um halb 11 Uhr waren wir hier. Erwin wachte auf und fragte nach Papa. Und kannst du das auch lesen? Gleich will ich mich anziehen und kaufe Kuchen. Erst will ich noch an die Keili/Keilu (?) schreiben. Das Wetter ist so dunkel. Ich glaube, es gibt Regen. Ernichen schläft. Der Heimat ganz nah: Frau Lulu schickte ihrem Mann diese Karte mit einer Abbildung des Alsterlaufs im Wellingsbüttler Gehölz. GEHEIMSCHRIFT ENTZIFFERT! In unserer Februarausgabe hatten wir zusammen mit dem Historiker Rainer Hofmann gefragt, wer mysteriöse Feldpostkarten des Poppenbüttler Lehrers Wilhelm Eggert aus dem 1. Weltkrieg entziffern kann. Die Resonanz war groß. Wir erhielten weitere Karten und Hinweise von Lesern. F eldpostkarten aus dem 1. Welt-krieg haben etwas Mystisches. Nicht nur, weil es sich bei den mehr als 100 Jahre alten Bot-schaften um zeitgeschichtliche Reliquien handelt - die Brief- wechsel zwischen Front und trauter Heimat verraten oft mehr über das Seelenleben der Soldaten und ihrer zuhause gebliebenen Familien, als spätere Erzählungen. Auch Wilhelm Eggert tauschte sich regel- mäßig mit Frau Lulu aus, als er plötzlich nicht mehr hinter der Schulbank seinen Dienst zu verrichten hatte - sondern an der lebensbedrohlichen Kriegsfront. Für den Poppenbüttler Volksschullehrer und dessen Frau war klar: Privates soll privat bleiben. Und so entschied sich das Ehepaar, ihre Briefe in einer speziellen Kurzschrift zu verfassen, die Eggert zuvor an der Poppen- büttler Volksschule gelehrt hatte. Und der Plan ging auf: Die Kontrolleure an der Front wussten mit dem vermeindlich unleserlichen Kekrakel nichts anzufangen. Die archivierte Feldpost überlebte Generation um Generation, ehe sie 2006 ihren Weg zu Historiker Rainer Hoffmann fand. Lange suchte der Schriftleiter des Alstervereins nach einem geeigneten Übersetzer, doch die Suche zog sich hin. Selbst ehemalige Schüler Eg- gerts konnten Hoffmann nicht weiterhelfen, nachdem 1924 eine Vereinheitlichung der Stenografie-Kürzel stattgefunden hatte. Der Alstertaler Historiker ließ sich jedoch nicht entmutigen, wandte sich an unser Magazin und wurde tatsächlich noch fündig - bei ei- nem Stenografieverein aus dem hessischen Langen. Der dortige Geschäftsstellenleiter Jascha-Alexander Koch entzifferte die mit Bleistift geschriebene Kürzel, indem er die Karten unter hellstem Licht drehte und so selbst die feinsten Bleistiftreste erkannte. Erlernt hatte er dies von Kollegen aus der Schweiz, wo es noch wenige Menschen gibt, die das Stenografen-System von 1897 beherr- schen. In Deutschland, so Hoffmann, sei das System so gut wie ausradiert. Mit seinen Übersetzungen brachte Koch inte- ressante Details aus dem Leben der Eggerts zutage, die sonst wohl im Verborgenen ge- blieben wären. So schrieb Frau Lulu , deren Spitzname ganz offensichtlich Pudel lau - tete, ihrem Mann beispielsweise vom Wetter oder dem neusten Poppenbüttler Dorfklatsch. Trotz mehrerer hundert Kilometer Entfernung erfuhr Wilhelm, dass die Hausangestellte einer Familie, deren Kinder er vor dem Krieg privat unterrichtet hatte, ihren Job gekündigt hatte. Immer wieder fragte Lulu nach, ob ihr Mann auch alles lesen könne. Und Wil- helm? Der berichtete in einem Brief vom 30. 8.1915 von einer Skat-Runde mit zwei seiner Kameraden. Das Happy End blieb aus: Ich bin dabei neun und zwanzig Pfennig losge- worden. Wegen der großen Resonanz mehr in kommenden Ausgaben. jb