Posthume Ehrung Henning

20 | ALSTERTAL MAGAZIN V olksnahes Stadtoberhaupt, bedächtiger Analytiker und großer Mahne r: Henning Voscherau zeichneten viele At-tribute aus, die ihn seinerzeit zu einer der prägendsten und populärsten Figuren der Hansestadt Hamburg machten. Der gebürtige Wellingsbüttler und ehemalige erste Bürgermeister (1988 1997) leitete den Hamburger Senat zu einer Zeit, die vor allem eines erforderte: politische Weitsicht. Und Voscherau bewies mehr als nur einmal, dass er genau hierfür ein ganz besonderes Gespür hatte. Für seine Verdienste bekam er nun posthum den Rita Clemens Menschen- rechtspreis verliehen. Die Rom und Cinti Union (RCU) würdigte damit wegweisende Entscheidungen Voscheraus, die rückblickend wohl mehrere tausend Menschenleben retteten. Ende der Neunzigerjahre: Im ehemaligen Jugoslawien tobt seit mehreren Jahren ein erbitterter Krieg. Zahllose Häuserruinen und Familien, die in Müllcontainern nach Essen suchen, prägen das Bild. Auch in Hamburg sind Auswirkungen dieser Entwicklung zu spüren. 1989 droht hunderten Roma in Hamburg die Abschiebung. Zurück in ein Umfeld, das von Diskriminierung, Vertreibung und Verfolgung geprägt ist. Herr Voscherau hätte damals einfach Tschüss sagen können, erinnert sich der Vorsitzende der RCU, Rudko Kawczynski. Stattdessen suchte Bürgermeister Voscherau den Austausch mit den betroffenen Roma, die sich bis dahin öffentlichkeitswirksam gegen die drohende Abschiebung gewehrt hatten. Carl Christian Voscherau, der die Auszeichnung stellvertretend für seinen inzwischen verstorbenen Vater entgegennahm, fand die passenden Worte: Menschen in Not zu helfen, war meinem Vater immer sehr wichtig. Tatsächlich gelang es Voscherau, gemeinsam mit dem damaligen Innensenator Werner Hackman, ein Bleiberecht für mehr als 1.500 Roma zu erwirken und diesen somit die Gräuel des Krieges zu erspa- ren. Dass nach Angaben des RCU heute mehr als 10.000 Nachfahren der Bleiberechtsrechtsroma Hamburg als ihr Zuhause bezeichnen dürfen, untermauert die sozialpolitische Dimension des Engagements, das schon weitaus früher begann. Bereits 1980 forderte Voscherau öffentlich die Einsicht des RCU in die Landfahrerakten der Hamburger Polizei, in der die Deportation der Hamburger Sinti und Roma während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft dokumentiert sind. 35 Jahre nach dem Ende des Krieges erfuhren die Hinterbliebenen somit erstmals die Geschichte hinter dem Schicksal ihrer ermordeten Vorfahren. Unser Leid wäre fast vergessen worden, wenn nicht eine neue Generation an Politikern den Faden wieder aufgenommen hätte, mahnte Kawczynski, der damit natürlich in erster Linie auf das Wirken Voscheraus abzielte. Witwe Annerose, die nach wie vor in Wellingsbüttel wohnt, zeigte sich gerührt von der Auszeichnung für ihren verstorbenen Ehemann: Es ist ein wunderbarer Preis, den er tatsächlich auch verdient hat, weil er seiner gesamten Einstellung den Menschen gegenüber entspricht. Hilfsbereitschaft stand für ihn an oberster Stelle egal in welcher Funktion. Jonas Bormann 1989 bewies Henning Voscherau (1941-2016) Menschlichkeit und politische Weitsicht, indem er ein Bleiberecht für 1500 abschiebegefährdete Roma erwirkte. Nun wurde er dafür posthum mit dem Rita Clemens Menschenrechtspreis ausgezeichnet. Posthume MAGAZIN Ehrung! Der 2018 ins Leben gerufene Rita Clemens Menschenrechts- preis wird an Persönlichkeiten verliehen, die sich aktiv für Menschenrechte und gegen die Diskriminierung und Unter- drückung der Sinti und Roma eingesetzt haben. Namens- geberin ist das letzte und jüngste Mitglied der Hamburger Sinti, das am 18. April 1944 im Alter von vier Monaten von Hamburg nach Auschwitz deportiert worden war. Der Rita Clemens Menschenrechtspreis Witwe Annerose (m.) und Sohn Carl Christian Voscherau (r.) und Redakteur Jonas Bormann trafen sich im Rahmen der Preisverleihung. War einer der beliebtesten Bürgermeister, den wir hatten: der am 24. August 2016 verstorbene Wellingsbüttler Henning Voscherau.