Volksbegehren Jürgen Becker

22 | ALSTERTAL MAGAZIN Volksbegehren Kabarettist und Mitternachtsspitzen-Moderator Jürgen Becker kam nach Hamburg, um die Kulturgeschichte der Fortpflanzung zu erläutern, über die er auch ein Buch geschrieben hat. Zu dieser Gelegenheit sprachen wir mit ihm über Birkensex , #metoo und Kratzer im Lack. Alstertal Magazin: Hallo, Herr Becker, nichts für ungut, aber die Welt ist im Aufruhr, rechte Populisten übernehmen in immer mehr Staaten die Macht, in Deutschland sitzen sie auch schon im Parlament und in Ihrem Programm geht es um Sex? Wie kommen Sie als gestandener Kabarettist denn darauf? Jürgen Becker: Dass die Welt in Aufruhr ist, verdanken wir zu einem nicht unerheblichen Teil testosterongesteuerten Herrschaften, die mit ihrer Macht vieles kompensieren. Die #metoo-Debatte zeigt ja auch, wie unkultiviert und mächtig die Triebe wirken. Insofern ist eine Kul- turgeschichte der Fortpflanzung das richtige Thema zur richtigen Zeit. Im Sex kommt das Tierhafte in uns zum Vorschein und das beschämt uns. Wir spüren, wir sind Tiere und werden es immer bleiben. Außer #metoo wird aktuell auch über Sexismus in der Werbung diskutiert. Ist das bei Ihnen auch Thema? Sehr! Fast überall wird Sex eingesetzt, sogar auf Automobilausstellungen. Auf der IAA konnte man es wieder beobachten. Trotz Dieselskandal saßen leicht bekleidete Damen auf den Motorhauben herum, nur um die Männer zu erregen. Dabei finden die meisten Männer, die ich kenne, das gar nicht erregend. Die sagen nur: Nimm die Frau da weg, die macht Kratzer am Lack!!! In den Recherchen für Ihr Buch und Ihr Programm haben Sie sich mit allerlei Spielarten des Geschlechtsaktes befasst. Von wel- chem Lebewesen könnte sich der Mensch noch was abgucken? Man muss nur die Augen aufmachen. Geschlechtliche Fortpflanzung gibt es bei Obstbäumen, Topfpflanzen und in Grünanlagen. Ein gutes Beispiel sind Birken. Birken haben auch Sex. Nun kann eine Birke ja nicht in die Kneipe gehen und eine andere Birke anquatschen. Das geht ja nun mal nicht. Was macht die? Die streut einfach ihren Samen in Form von Pollen in die Luft und hofft, dass dann irgendwo ne andere Birke den aufnimmt und so befruchtet wird. Und sichert damit das Überleben von gleich zwei Arten: von sich selbst und von Hautärzten, die Allergietests anbieten. Haben Sie im internationalen Vergleich Unterschiede zu den Vorlieben in deutschen Schlafzimmern finden können? Sind wir Deutschen nun besonders prüde oder gerade nicht? Da gibt es alles. Man spürt es besonders im Internet. Über ein Drittel des gesamten Datenverkehrs im Netz hat pornographischen Inhalt. Pro Sekunde werden in Deutschland 30.000 pornographische Filme heruntergeladen. 10% der Frauen und 60% der Männer konsumieren mindestens einmal die Woche Pornos im Netz. Und jetzt kommts: 70% der pornographischen Daten werden an Werktagen zwischen 9 und 17 Uhr heruntergeladen. Da wundert man sich doch, dass in deutschen Büros überhaupt noch gearbeitet wird. Der Begriff Gleitzeit bekommt da eine völlig neue Bedeutung. Ebenfalls eine sonderbare Blüte der letzten Jahre: Aufgebrachte Eltern und andere Wutbürger, die gegen die Frühsexualisierung ihrer Kinder, sprich: Aufklärung u.a. über Homosexualität, auf die Straße gehen. Wie beurteilen Sie die Sorgen dieser Bürger? Gerade das Thema Homosexualität zeigt, wie sehr sich die politischen Lager geändert haben. Es geht kaum noch um rechts und links. Die Welt spaltet sich im Grunde in zwei neue Lager: Der eine Teil träumt den liberalen Traum, der andere den autoritären Traum. Dieser möchte starke Führer und einfache Antworten, zu denen die kompromissbereite und langsame Demokratie in seinen Augen nicht fähig ist. Der autoritäre Traum verbindet eben diese testosterongesteuerten Herrschaften wie Trump, Putin, Erdoğan, Orbán und Wilders mit der FPÖ in Österreich und dem Front National in Frankreich. Aber auch Pegida und AfD haben mit den Islamisten, Salafisten und Kämpfern der IS viel mehr gemein, als ihnen lieb sein kann. Sie alle propagieren den autoritären Traum, wie es der Historiker Philipp Blom nennt, sehen Frauen in traditionellen Rollen, wollen Fortpflanzung nur innerhalb der eigenen Kultur, vor 80 Jahren sprach man noch von Rasse, und verteufeln fast immer die Homosexualität. Der autoritäre Traum mag attraktiv sein für Menschen, denen Freiheit zu kompliziert ist. Der Erdoğan sorgt dafür, dass wir nicht alle schwul werden. Dafür sorgt in Köln keiner. Warum die Natur der Homosexualität seit 50 Millionen Jahren einen festen Platz einräumt, habe ich recherchiert und in das Programm eingearbeitet. Entscheidend ist aber der Humor, denn die Worte Lust und Lustig haben ja denselben Stamm. Es war also ein lustvoller Abend. cl Fortpflanzungs- Experte: Jürgen Beckers Buch Zu dir oder zu mir? ist, wie die dazugehörige Live-CD Volksbegehren, bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Fo to : S im in K ia nm eh r Geschichte des SEX MAGAZIN